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Ein wiederhergestelltes Deutschland –

vom Kanal aus gesehen

 

von Clay Risen für die Washington Post

Sonntag, d. 18. Oktober 2009

Aus dem Amerikanischen von Sabine Laufer

 

Unser Gastgeber, Peter Hofmann, war verblüfft.

„Wie kann es kommen, dass zwei Amerikaner aus Washington D.C. sich hierher verirren?“ fragte er bei einem eilig zubereiteten Essen mit Wildschwein, Schwarzbrot und Sekt.

Meine Frau und ich waren gerade mit dem Kanu in der Pension „Engel und Teufel“ angekommen, die Hofmann mit seiner Frau Angela in der Peripherie der deutschen Stadt Oderberg, einige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, betreibt.

Wir trafen auf das Ehepaar am Schluss einer von ihnen ausgerichteten Geburtstagsparty für einen Nachbarn und innerhalb von Minuten waren wir Teil dieser Feier.

Hofmann stellte eine gute Frage.

Auch noch 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ist Ostdeutschland gefangen in alten immer wiederkehrenden Stereotypen: verlassene Städte, hohe Arbeitslosigkeit und verunreinigte Flüsse. Und wenn das auch nicht die ganze Wahrheit ist, liegt sie doch nicht weit davon entfernt.

Warum sollte irgendjemand hier 3 Tage verbringen?

Aber Hofmann, ein Bauingenieur im Ruhestand, meint das nicht ganz ernst.

Denn er hatte seine Pension zu Beginn dieses Jahres als Antwort auf steigende Touristenzahlen eröffnet, Touristen meist aus der Umgebung aber zunehmend auch international. Sie alle kommen um den Sieg der Natur über rostende Fabriken des Ostens und LPGs mitzuerleben. Im letzten Jahrzehnt haben sich Tausende von Quadratkilometern von unbebauten Ackerflächen in Ostdeutschland in Naturreservate verwandelt, indem die ehemals verschmutzten Flüsse, Seen und Kanäle um Berlin herum zur Heimat von Millionen Enten, Schwänen und anderem Wasserleben wurden. Vor kurzem kämpften Hofmann und seine Nachbarn gegen eine ausnehmend aggressive Biberkolonie, die ihre Höfe auf der Suche nach Baumaterial plünderte.

Aber nicht das gesamte Bauernland ist von Mutter Natur zurückerobert worden:

Auf den Feldern rund um Berlin ist ein enormer Anstieg von organischem Landbau zu beobachten, der mit seinen frischen Produkten die Märkte der Hauptstadt und trendige Esslokale reichlich versorgt. Und dank einer blitzartig verbesserten Infrastruktur in den 90ern ist die Gegend gut erreichbar, so dass Pensionen und kleine Hotels dazu übergegangen sind, Wochenendurlauber auf der Suche nach einem „Fleckchen Grün“ zu beherbergen.

 

 

Es gibt viele Möglichkeiten die Naturschönheiten rund um Berlin zu erkunden - im Auto, mit dem Fahrrad, im Heißluftballon - aber unser bevorzugtes Transportmittel für die 3 Tage zu Beginn des Septembers war das Kanu.

Wir fuhren von Liebenwalde, nördlich von Berlin gelegen, nach Oderberg durch den Finowkanal, einer der unzählbar vielen Wasserwege, die die deutsche Hauptstadt wie eine Opalhalskette umschließen.

Wir verließen Berlins Hauptbahnhof um 20.30 Uhr Freitagabend und um 21.30 Uhr waren wir schon in Begleitung von Siegrid Kaftan, Mitbesitzerin von „Wallapoint“, einer der führenden Kanu-Ausleihstationen in Berlins nördlicher Umgebung. Vor den Toren Zehdenicks gelegen, bietet „Wallapoint“ hauptsächlich Touren durch die nördliche brandenburgische Seenlandschaft an. Aber die Kaftans waren sofort damit einverstanden uns ein voll ausgestattetes Boot für unseren eigenen à-la-carte Trip zusammen mit einem spartanischen aber sauberen Zimmer in ihrer Pension anzubieten.

„Die ist ein wenig ausgefallen, die Tour, die ihr geplant habt“, erzählte uns Kaftan Freitagabend, „aber nun ja, warum nicht?“

Und wirklich!

Der Finowkanal ist nicht so sehr von Naturschönheiten beherrscht wie die Landschaft und Seen von Nord- Brandenburg, aber er ist ein Führer durch die deutsche Geschichte - vom Wasser aus.

Im frühen 16. Jahrhundert von Joachim Friedrich gebaut um Berlin mit der Ostsee zu verbinden, wurde er im 30-jährigen Krieg durch marodierende katholische Armeen zerstört.

 

 

Im 18. Jahrhundert unternahmen preußische Könige wiederholte Anstrengungen den Kanal wieder aufzubauen, aber erst zum Jahrhundertwechsel gewann der Finowkanal seine  Rolle als wichtige Handelsroute zurück, war aber schon 1914 durch den viel größeren, gleich nördlich gelegenen Oder-Havel-Kanal wieder veraltet. Der Nationalsozialismus, der 2. Weltkrieg und das kommunistische Ostdeutschland folgten und ließen den Kanal für ein halbes Jahrhundert baufällig und verschmutzt zurück.

In den 90ern erkannten die Städte am unbenutzten Kanal dessen Potential als Magnet für den Wassertourismus und begannen ihn wieder aufzubauen inklusive seiner 12 handbetriebenen Schleusen.

Im Jahre 2000 war er komplett saniert und offen für Verdienstmöglichkeiten aller Art, wie Fahrrad- und Wanderwege, die sich fast über die ganze Länge erstrecken.

 

 

Der Finowkanal besteht heute aus 2 Kanälen. Der erste, kürzere Teil, „Langer Trödel“ genannt, ist 8,9 Kilometer lang von Liebenwalde zum Oder-Havel-Kanal. Der Rest zweigt südlich vom Oder-Havel-Kanal ab, schlängelt sich über 32 Kilometer durchs Land und mündet schließlich wieder in den Oder-Havel-Kanal bei Niederfinow, 14,5 Kilometer vor der polnischen Grenze.

An einem nieseligen Samstagmorgen kurz nach 9 setzten wir ein am Beginn des „Langen Trödel“, an den Ausläufern von Liebenwalde. Einheimische Teams bereiteten sich für das jährlich stattfindende Drachenbootrennen vor. Der „Lange Trödel“ wurde seinem Namen gerecht, gemütlich schlängelte er sich durch Birken- und Kiefernwälder.

Wir waren die einzigen auf dem Wasser und schon bald verstanden wir auch warum: Der „Lange Trödel“, obwohl die schnellere Strecke, (als Alternative hätten wir auch im Süden auf dem Malzer Kanal und dann östlich auf dem Oder-Havel-Kanal entlangfahren können) verlangt von den Paddlern das dreimalige Umtragen der Boote über Böschungen. Diese Hindernisse wurden von Einheimischen in den 20ern gebaut, nachdem der Kanal seine wirtschaftliche Nutzung verloren hatte.

Mittags waren wir völlig erschöpft, obwohl wir erst ein Drittel des Weges zurückgelegt hatten.

Unsere Laune und unser Tempo verbesserten sich, als wir den Oder-Havel-Kanal hinter uns hatten. Die Sonne kam heraus und wir reihten uns in eine Gruppe deutscher Kanus ein. Wir begannen durch das Finowkanal-System von Schleusen des Industriezeitalters zu paddeln. Zwischen Mai und September von 9 bis 17 Uhr kostenlos besetzt, schleusen sie Boote über jeweils 2,5 Meter und bieten den Paddlern eine willkommene Pause.

An diesem Tag war unser Ziel Eberswalde, ein Pendler-Wohnort vor Berlin und 26,4 Kilometer auf unserer Route. Das war ein ehrgeiziges Ziel: mit der Zeit zum Umtragen der Boote und dem Durchfahren der Schleusen würde das 8 Stunden dauern.

Glücklicherweise gibt es einfachere Möglichkeiten das zu tun: Campingplätze und Pensionen - ebenso am Kanal gelegene Biergärten - in Marienwerder, Finowfurt und anderen Orten am Kanal bieten die Gelegenheit, den Trip in kürzere Stückchen zu unterteilen.

 

 

Wir erreichten Eberswalde gegen 17.30 Uhr, verstauten unser Kanu in der örtlichen Marina und begaben uns in unser Hotel, den „Palmenhof“. Wir hatten zwar die richtige Anschrift aber erst nach ein paar Versuchen war es zu finden: ein verständlicher Fehler, denn es befand sich im 3.Stock eines alten Bürogebäudes. Es ist eine eigenartige aber liebenswerte Örtlichkeit mit eigener Atmosphäre, wir bekamen ein großes Zimmer und hatten ein üppiges Frühstücksbuffet für nur 75 Euro.

Eberswalde erlitt während des 2. Weltkrieges erhebliche Zerstörungen, wurde aber in großen Teilen in der Altstadt wieder aufgebaut, inklusive der Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Zwei Bahnstationen nördlich liegt Chorin, wo ein Kloster aus dem 13. Jahrhundert und zugleich Deutschlands beste Backsteingotik beheimatet ist. Während des Sommers gibt es hier berühmte Chor-Konzerte. Alle mit ein wenig mehr Zeit oder einem Fahrrad sollten einige Meilen östlich von Chorin Brodowin besuchen, ein Ökodorf, das Milch, Käse, Salami und andere organische Produkte für Berliner Konsumenten produziert.

 

 

Nach einer kleinen Pause starteten wir zum Highlight dieses Abends: der Bierakademie.

Das ist ein 150 Jahre altes Restaurant, an die Eberswalder Brauerei angeschlossen, und bietet eine wechselnde Liste von 14 Fassbieren (eine verblüffende Anzahl in Deutschland): an diesem Abend gab es Früh Kölsch und Diebels Alt, zwei vorzügliche Biersorten aus Köln bzw. Düsseldorf. Das Essen, hauptsächlich lokale Kost, war ebenso hervorragend.

Aus einer langen Liste von Rindfleisch, Schweinefleisch, Pferdefleisch und Fisch begannen wir mit einer cremigen Knoblauchsuppe, gefolgt von wildem Lachs und gegrilltem Gemüse und Eierlikör- Creme als Dessert.

Am nächsten Morgen erwachten wir bei leichtem Regen und mit einer unter unserem Fenster marschierenden Kapelle, die „Axel F“ (Titelmelodie von „Beverly Hill Cops“) für ein paar Applaudierende unter Regenschirmen spielte. Gegen 11 Uhr paddelten wir los und zum Mittag klarte das Wetter auf. Östlich von Eberswalde öffnet sich der canyonartige Birkenwald, der den Kanal westlich begrenzt, zu einer weiten Ebene, mit Sümpfen und Tälern voller Enten, Fischreihern und Schwänen.

 

Als wir uns der Mündung des Finowkanals näherten, konnten wir im Norden den Landrücken sehen, mit dem Oder-Havel-Kanal und direkt am Ende das Schiffshebewerk, einer der weltgrößten Fahrstühle für Schiffe. Anstatt die durchfahrenden Boote durch eine Reihe von Schleusen zu leiten, wie es im Finowkanal der Fall ist, hebt oder senkt das Schiffshebewerk Schiffe über 30 Meter Höhenunterschied in 5 Minuten in einer Art Badewanne.

 

 

In einem Land, das seine Industriebauten achtet, ist das Schiffshebewerk, das seit 1934 arbeitet, ein nationales Denkmal. Eine örtlicher Reiseveranstalter bietet sogar Touren hoch und runter an.

Zwei Stunden später zogen wir unser Boot ans Ufer der Pension „Engel und Teufel“. Zusätzlich zu der spontanen Party bekamen wir ein sauberes, gut ausgestattetes Zimmer mit Kanalblick und eigenem Bad; Mit Frühstück machte das lediglich 20 Euro.

Die Hofmanns, beide in den 50ern, sind Teil einer wachsenden Anzahl von älteren Deutschen, die in kleinere Städte im Osten ziehen; dort finden sie billigen Grund und Boden, ruhigeres Leben und viel Natur.

„Für die, die keinen Job haben, ist es schwer,“ sagte Angela Hofmann. „Aber für den Rest von uns, wer würde denn hier nicht gerne leben?“

Am Montagmorgen beendeten wir den Besuch mit einer kurzen Paddeltour durch Oderberg, der letzten Stadt, bevor der Kanal in der Oder mündet, an der Grenze zu Polen. Gegen Mittag würde uns einer der „Wallapoint“-Mitarbeiter abholen und uns zum Eberswalder Bahnhof fahren und innerhalb von 30 Minuten wären wir wieder in Berlin.

Während wir auf unsere Fahrt warteten, nahmen wir uns noch ein  paar Minuten, um durch Oderberg zu laufen. Es war sehr still und etwas heruntergekommen, es erinnerte mich an die kleinen Städte im südlichen Tennessee, durch die ich als Kind fuhr, die von Menschen verlassen worden waren, die in freundlichere Gegenden umgezogen waren. Aber mit dem Kanal, der durch sein Zentrum fließt und einer jahrhundertealten Kirche am Marktplatz, besitzt Oderberg, wie so oft im östlichen Deutschland zu finden, eine stille, natürliche Schönheit, die noch viel mehr Menschen bewundern sollten.